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August Strindberg   (*22.01.1849  † 14.05.1912)

August StrindbergJohan August Strindberg gehört zu den umstrittensten Schriftstellern der neueren Literatur. Leben und Schaffen bilden bei ihm eine unlösbare Einheit, in seltenem Maße hat er die Probleme der eigenen Entwicklung — den Kampf einer titanischen Seele mit den dunklen Untergründen einer dämonischen Veranlagung — in seine Werke hineingetragen. Immer und überall zwingt er zur Stellungnahme, er rüttelt auf und provoziert Zustimmung oder Ablehnung. In seinem wandlungsreichen Leben, das im Werke weiterzeugt und immer wieder in neuer Gestalt untergeht, ist jede Seelenstimmung, von naiver Kinderfrömmigkeit bis zur satanischen Ruhelosigkeit, jede intellektuelle Geisteshaltung, vom materialistisch gefärbten Fortschrittsglauben bis zur tiefsten, zersetzenden Skepsis, anzutreffen. Blasierte Kühle findet sich niemals, über den Dingen stehende Objektivität selten in seinen Schriften, die immer zugleich Angriff und Verteidigung sind. Dem Philosophen steht er so ferne wie dem wirklichen großen Dramatiker, der die uralte Auseinandersetzung zwischen Freiheit und Notwendigkeit auf die Bühne stellt. Shakespeares farbige Helligkeit und souveränes Spiel mit den Schicksalen der Welt und der Menschen blieb ihm fremd und unsympathisch. Noch die persönlichsten Schöpfungen des großen Briten, seine Sonette, ruhen losgelöst von allen persönlichen Schicksalen und subjektiven Gefühlen ihres Verfassers in einer Atmosphäre formvollendeter Verdichtung und Überwirklichkeit, die völlig nebensächlich erscheinen lässt, wer und was der Freund und die schwarze Dame gewesen sind. In den historischen Dramen Strindbergs, seinen objektivsten Kunstwerken, spürt man noch den subjektiven Willen ihres Verfassers, die Absicht zur Tendenz und zur moralisierenden Propaganda. Ein Streit darüber, wer dieser Verfasser sein könnte, ist gar nicht denkbar, auch wenn wir die lange Reihe der biographischen Schriften nicht hätten, die in so seltsamer, einmaliger Weise, anziehend und abstoßend zugleich, Dichtung und Wahrheit mischen.

Deshalb ist auch Strindberg gerade heute wieder aktuell, so wie Nietzsche aktuell geworden ist, seitdem die moderne Zivilisation in ihre kritische Epoche eingetreten ist, die von den einen als Wachstumskrise, von den andern als Symptom des nahenden Untergangs betrachtet wird. Zwar hat sich der moderne Theaterbetrieb scheu von der Gestalt, den Problemen und Stücken des großen Schweden zurückgezogen, seine Bücher werden wenig mehr gekauft, und seine Auffassungen und seelischen Konflikte sind in die Fachliteratur der Psychiater und Psychoanalytiker abgewandert, die den Großteil seiner dichterischen Produktion nur noch als Krankheitsgeschichte werten. Aber man kommt auch dem Problem Strindberg mit der gehirnärztlichen oder Komplex befangenen Betrachtung so wenig endgültig bei wie den Quellen der Kunst eines Hölderlin, Lenau oder Van Gogh, so wichtiges untergeordnetes Material auch die Krankheitsgeschichte beibringen kann. Denn entscheidend bei all diesen Untersuchungen, die letzten Endes die Geistesgeschichte der Menschheit in eine fortlaufende Krankheitsgeschichte umwandeln, ist immer: weshalb und womit die künstlerische Produktion und der ringende Geist mit der Krankheit fertig geworden sind und sie überwunden haben. Der Unterschied zwischen Genie und Wahnsinn besteht hauptsächlich darin, dass das Genie den gesellschaftlichen Wertmaßstab für seine Produktion nie verliert, es ist die „große Gesundheit” Nietzsches in der Zarathustraperiode, die den letzten Sieg der gestaltenden über die zerstörenden Kräfte davontrug, erst dann kam der Zusammenbruch und mit ihm das völlige Erlöschen der Produktivität. Zweifellos war auch der Strindberg der Inferno-Periode dem Zusammenbruch sehr nahe, aber dass das Genie in ihm seinen eigenen Wahnsinn beobachtete und besiegte, ist die entscheidende Bedeutung und wichtigste Tatsache aus dieser Zeit.

Zu einer klaren Beurteilung Strindbergs und seines Schaffens ist notwendig, dass man ihn von seiner stärksten Kraft aus betrachtet: der Phantasie. Strindberg war ein Dichter, obwohl er auch auf wissenschaftlichem Gebiete sehr wertvolle Entdeckungen machte und Zusammenhänge fand, die in ihrem Wesen inzwischen durch die Forschung bestätigt und Allgemeingut geworden sind — aber auch auf dem wissenschaftlichen Gebiet war es die zusammenschauende Phantasie, die ihn zu Ergebnissen kommen ließ, allerdings auch in manche Sackgasse führte.

Der Dichter in Strindberg hat die Menschen so geschildert, wie er sie sehen musste — wie sie wirklich waren, ist daneben völlig gleichgültig. Alles Zeichnen besteht in Verkürzen, Weglassen und Verstärken — die Dichtung auch. Man wird dem Dichter Strindberg erst völlig gerecht werden, wenn man auch seine angeblich biographischen Schriften uneingeschränkt unter die Dichtungen einreiht, sie sind Romane, zu denen das Leben ebenso den Stoff und die Phantasie die Beleuchtung geliefert hat wie bei jedem andern Roman.

Wenn man also die Frage, ob dies wirklich so und nicht anders gewesen sei, ob die Baronin wirklich so leichtsinnig und seine zweite Frau so oberflächlich gewesen sei, völlig ausschaltet, dann bleibt vor allem eine wesentliche Feststellung übrig: August Strindberg hat unser Wissen um die menschliche Seele, das menschliche Gefühlsleben, die inneren Widersprüche und Abgründe des menschlichen Charakters gewaltig erweitert. Dieselbe Psychologie, die über Männer wie Nietzsche und Strindberg manchmal sehr hausbackene Urteile gesprochen hat, wäre ohne das Schaffen dieser Entdecker unbekannter Züge der menschlichen Psyche gar nicht zu denken.

Ungerecht gegen den einzelnen Menschen ist Strindberg nur zu oft. Es ist manchmal grotesk, wie er einzelne Gestalten verzerrt. Er hat oft kein Maß, weder im Guten noch im Bösen. Wie er in „Nach Damaskus” die einzelnen Mitspieler zeichnet und aus braven, gleichgültigen, kleinlichen und in den üblichen Vorurteilen befangenen Bürgern und Bürgerinnen Ungeheuer und phantastische Gnomen schneidert, ist von unerhörter Kühnheit und Brutalität. Man hat in diesem Werk mit Vorliebe eine religiöse Bekenntnisschrift gesehen: es ist etwas ganz anderes. Es ist eine der bittersten und hellsichtigsten Satiren auf die Menschheit, ihre heiligsten Gefühle, Illusionen und Institutionen, die die Weltliteratur kennt, Religion und Kirche eingeschlossen. Das Bankett im zweiten Teil ist von grandioser Wucht, die Läuterung am Schluss bleibt durchaus fragwürdig, und nur naive Gemüter können darin eine wirkliche Bekehrung sehen. Er wollte schon, allein er konnte nicht. Der schöpferische Genius, nach langem Schlummer wieder erwacht, bestrahlte noch den Kalvarienberg, den ein Halt suchender Mensch emporstieg, mit seinem hellen Licht.

Strindbergs Einstellung zum anderen Geschlecht ist manchmal abstoßend und niemals harmonisch. Hier liegt die Achillesferse seines Lebens wie seiner Kunst. Oft fehlt es ihm am nötigen Distanzgefühl, er gibt sich nicht nur hin, sondern sogar auf; dann erschrickt er und schafft gewaltsam die Distanz, die sich sofort zur breiten Kluft erweitert. Aber gerade diese innere Unsicherheit hat ihn hellsichtig gemacht. Keiner hat so wie er daran mitgewirkt, die konventionelle und traditionelle Lüge aus den Beziehungen der Ge-schlechter, dem Verhältnis von Mann und Frau, aus der Ehe und dem Verhältnis von Eltern und Kindern auszumerzen. Dabei kam er selbst aus den Fesseln von Tradition und Konvention niemals heraus. Er rebellierte gegen die Macht des Herkömmlichen in sich selbst und um sich herum, als Mensch blieb er ihr Gefangener, als Künstler entlarvte er sie.

August Strindberg war einer der größten Denunzianten der Geschichte. Er hat die faulen Stellen des öffentlichen wie privaten Lebens aufgespürt und angezeigt — auch dort und vor allem dort, wo er sie in sich selbst wuchern spürte. Er hatte den Mut, Dinge laut zu sagen, über die man bis dahin nur geflüstert hatte. Das wirkte häufig peinlich, Aufsehen erregend, abstoßend, fast sadistisch. Aber es wirkte. Der überhelle und scharfe Beobachter in ihm konnte sich selbst mit gefühlloser Neugier betrachten und schildern, so erbarmungslos wie die Mitmenschen, und als Künstler kannte er das große Grundgesetz jeder Wirkung in die Weite und Tiefe hin: die Wahrheit liegt im Extrem.

August Strindberg ist auf dem Friedhof Norra Begravningsplatsen in der Gemeinde Solna nördlich von Stockholm begraben. Seine Grabnummer lautet Bezirk 13A, Nr. 101.

 

Weiterführende Links zu August Strindberg

Strindbergmuseum

Stockholm auf den Spuren Strindbergs

http://de.wikipedia.org/wiki/August_Strindberg

 

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